Autismus aus kultureller Perspektive

Offiziell wird Autismus als “tiefgreifende Entwicklungsstörung” eingestuft – ähnlich wie auch Homosexualität noch vor nicht allzu langer Zeit in den diagnostischen Manualen ICD und DSM als Störung eingetragen war. Die Schwulen- und Lesbenbewegung hatte sich dagegen gewehrt – mit Erfolg. Heute gilt Homosexualität als normale Variante von Sexualität. Und heute werden andere Kämpfe ausgefochten: Autisten wehren sich dagegen, als krank, gestört oder defizitär betrachtet zu werden.

Dass mag viele überraschen. Dabei ist die Diagnose “Autismus” noch relativ neu: 1943/44 wurde Autismus zum ersten Mal als “Störung” beschrieben. Erst einige Jahrzehnte später wurde Autismus in die offiziellen Diagnosehandbücher DSM und ICD aufgenommen, erst 1991 bzw. 1994 wurde der sogenannte Asperger Autismus darin aufgenommen. Unsere Gesellschaft kam also offensichtlich lange ohne diese Diagnosen aus – ebenso wie auch heute viele andere Kulturen, in denen es die Diagnose Autismus nicht gibt (bzw. wo sie nicht bekannt ist und nicht gestellt wird). Daraus lässt sich nicht auf die Lebensbedingungen autistischer Menschen schließen, aber möglicherweise – aus kultureller Perspektive – darauf, dass wir heute weniger Vielfalt zulassen und eine wesentlich stärkere Normierung fördern als früher.

Das Bild, das heute von Autisten existiert, beinhaltet, dass sie unter Autismus leiden würden – dagegen wehren sich viele Menschen im Autismus Spektrum. Autismus wird als ein Defizit betrachtet – auch dagegen wehren sie sich. Man muss nicht Beispiele wie Albert Einstein und Bill Gates anführen (denen beiden Autismus zugeschrieben wird) oder diagnostizierte Autisten wie den Nobelpreisträger Vernon Smith oder den Musiker Craig Nicholls – man kann auch die heutige Alltagskultur zum Beispiel in der Arbeitswelt ansehen: “Kommunikationsfähigkeit” und “Teamwork” sind die Schlagworte – und die kulturellen Werte, die Autisten aus dem Arbeitsleben verdrängen. Während es früher genügte, ein guter Techniker zu sein, um eine Stelle zu bekommen, muss man heute eher ein guter Netzwerker sein, viele Kontakte und Beziehungen haben, sich beim Bewerbungsgespräch gut verkaufen können, um eine Stelle zu bekommen. Auch auf Arbeit nimmt die Akzeptanz von Eigenheiten, von Ecken und Kanten ab.

Nach dem Motto der Disability-Bewegung “Behindert ist man nicht, behindert wird man” fordern deshalb auch viele Autisten Barrierefreiheit und Akzeptanz. Dass Autisten “unfähig”, leidend und gestört seien, ist ein Klischee und gehört in die Mottenkiste. Übrigens: Unter Autism Booksfindet man Bücher, die Autismus aus etwas anderer Sicht darstellen.


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