Sport und Attraktivität

Große mediale Aufregung erregte es 1980, als “Gold-Rosi” Mittermaier ihren Christian Neureuther heiratete. Und bereits ein Vierteljahrhundert zuvor standen die USA Kopf, als Marilyn Monroe 1954 dem damals weltweit bestbezahlten Profisportler, dem Baseball-Star Joe DiMaggio, ihr Ja-Wort zuhauchte. Noch heute füllen Partnersuche, Partnerschaften und Trennungen von bekannten Sportlern zahllose Seiten der Regenbogenpresse.

In Deutschland beschäftigte die Liebesbeziehung des Magdeburger Handball-Stars Stefan Kretzschmar mit Gold-Franzi van Almsick die Gazetten, und über die Ehe von Andre Agassi und Steffi Graf wird in der ganzen Welt berichtet. Dies ist nicht selbstverständlich, denn anders als etwa bei Schauspielern oder Sängern wartet bei Sportlern alters- oder verletzungsbedingt bereits in recht jungen Jahren das Karriereende, und weshalb sollte sich die Öffentlichkeit für Ex-Sportler interessieren, die keine Erfolge mehr erzielen? 

Schon im alten Rom hatten die Gladiatoren (zu lat. gladius “Stoßschwert”) große “Fanclubs”, und wie noch heute erhaltene Graffiti aus Pompeji zeigen, betrachtete die vornehmlich weibliche Anhängerschaft die Gladiatoren durchaus auch als Sexualobjekt. Es ist nicht ganz falsch, die römischen Gladiatoren mit Popstars der heutigen Zeit zu vergleichen: Was heute Elvis Presley oder Robbie Williams verkörpern, waren damals Sergiolus oder Spartacus.

Der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk sucht die Attraktion von Sportlern in der heutigen Zeit philosophisch zu erklären: Nach Sloterdijk haben die westlichen Mediengesellschaften die großen Nationalhelden durch Stars ersetzt. Im Gegensatz zum Helden, der früh stürbe, überlebe sich der Star. Der Held falle auf dem Schlachtfeld, der Star werde wieder ins zivile Leben resozialisiert, was eine Art Ausmusterung und mithin den symbolischen Tod bedeute. Insofern sei für die meisten Sportler ein früher Tod vorzuziehen, da sie nach der Karriere fast ausnahmslos unangenehm würden.

In einem Interview des “Spiegel” zur Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland sagt Sloterdijk: “Selbst die interessantesten Athleten verwandeln sich, wenn sie als Funktionäre weitermachen, in Muffköpfe. Dann tun sie für den Rest ihres Lebens nichts anderes mehr, als die Gründe, weswegen sie bekannt wurden, Lügen zu strafen. Sie fangen glänzend an – und enden in Selbstdemontage. Das blieb Achilles erspart, weil er einen echten Showdown erlebte.”

Die weltweit derzeit vielleicht prominenteste Sportler-Ehe führen David und Victoria Beckham. Nach dem sportlichen Abstieg von David Beckham tat er etwas, das ihm seine Prominenz trotz nachlassender sportlicher Leistung sicherte: Er wurde Model. Es scheint heute Erfolg versprechender zu sein, als Hermaphrodit aufzutreten statt als männlicher Heros. Was sich als Style-Guides verstehende Magazine plump als “Metrosexualität” propagiert haben, ist nichts Anderes als Hermaphroditisierung. 

Die Idolisierung des Athleten ist geschichtlich gesehen nichts Neues, auch nicht die Athletisierung der Idole einer Gesellschaft. Antike, Renaissance und viele andere Epochen kennen diese Phänomene auch. Kraft, Schönheit, Willensstärke wird referentiell gebündelt im Athleten, und der Bevorzugung bei der Partnerwahl ebendieses Menschentyps muss auch eine moderne Partnervermittlung Rechnung tragen.

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